Diversity – das missverstandene Konzept

von Prof. Dr. Armin Trost

Es gibt ein Landwirt, der Kartoffeln anbaut. Bei der Ernte wählt er seine Kartoffeln nach bestimmten Kriterien aus. Rund und mittelgroß müssen sie sein. So fordert es sein Abnehmer. Nun, seit diesem Jahr wüscht sich sein Abnehmer ein höheres Maß an Vielfalt. Er nennt es auch „Diversität“. Die alten Kriterien bleiben, aber 20% der Kartoffeln dürfen kleiner sein, aber nicht zu klein. Der Landwirt hält sich daran. Am Ende wird die angestrebte Diversität erreicht. Alles gut.

Ein Dorf weiter gibt es einen anderen Landwirt, der ebenfalls Kartoffeln anbaut. Seine Prämisse bei der Ernte lautet: jede Kartoffel ist OK und zwar so wie sie ist. Punkt.

Der erste Landwirt verfolgt offenbar etwas, was man als Diversity-Management bezeichnen kann – klare Ziele, zielorientiertes Handeln, Kennzahlen usw. Der zweite Landwirt kennt möglicherweise nicht einmal dieses Wort. Er muss es nicht kennen. Bei einem Diversity-Audit nach ISO-Prinzipien würde er vermutlich durchfallen. Nun zur eigentlichen Frage: Welcher der beiden Landwirte erzielt ein höheres Maß an Diversität?

Diese einfache Analogie macht deutlich, worum es bei Diversity geht und wie Diversity häufig missverstanden wird. Diversity ist keine Frage der Statistik. Sie kann nur schwer in Zahlen ausgedrückt werden, so wie es viele Unternehmen versuchen. Diese Unternehmen verweisen beim Thema Diversity auf Balkendiagramme, Kuchendiagramme, Prozente usw. Sie verwechseln Diversity mit statistischer Unterschiedlichkeit und Merkmalsverteilung (Variety). Diversity ist aber primär eine Frage der Haltung, die am Ende konsequenterweise in Unterschiedlichkeit mündet. Das Ergebnis ist weder die Ursache zugleich noch ihre eigentliche Bedeutung.

Die eigentliche Bedeutung von Diversity liegt in der Wertschätzung von Individualität.

In Vorträgen zeige ich das obige Bild und stelle die Frage: Würden Sie diese Dame als Leiterin Ihrer Buchhaltung einstellen? Wenn Sie denken „Um Himmels willen. Niemals“, dann hilft ein Diversity-Management auch nicht weiter. Wenn Sie sagen „Weiss ich nicht. Das kann ich anhand des Bildes nicht beurteilen. Wenn Sie geeignet ist gerne. Wo ist das Problem?“, dann haben Sie Diversity als Haltung verinnerlicht.

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