Sind Sie Realist oder einfach nur überheblich?

von Prof. Dr. Armin Trost

Es mag sein, dass in zahlreichen Start-ups oder in hochqualifizierten Bereichen mancher Unternehmen zunehmend ein anderer Führungsstil herrscht und auch herrschen soll. Es mag auch sein, dass Führungskäfte dort die Tendenz an den Tag legen, mehr als Coach zu agieren, partnerschaftlich und auf Augenhöhe. Dort kann man es sich auch leisten, dass die meist qualifizierten, reifen Leute eigenverantwortlich denken und handeln. In weiten Teilen der betrieblichen Wirklichkeit ist das aber nicht so. Wir finden zahlreiche Arbeitnehmer, die einfach nur ihren Job machen wollen. Sie erwarten, dass man ihnen sagt, was sie tun sollen. Das tun sie dann auch meist zuverlässig und genau dafür bekommen sie ihr Gehalt. Das ist im Grunde der wesentliche Teil des Deals. Und das ist in Ordnung so. Dieser Hype um New Work, Arbeit 4.0, Agilität usw. geht an dieser Realität komplett vorbei. Diese Menschen wollen nicht eigenverantwortlich denken und handeln. Vielleicht können sie das auch nicht oder fühlten sich damit überfordert. Das muss man akzeptieren und endlich aufhören, redlichen und gestandenen Führungskräften einzureden, sie würden falsch führen. Das tun sie nämlich nicht. Sie tun vielmehr das, was in der jeweiligen Situation das Richtige ist, weil nicht alle Menschen so mündig sind, wie manche selbsternannten Agilitäts-Evangelisten dies behaupten. Die sollten einmal ihren Coworking-Space verlassen und einige Zeit in einem typischen Betrieb verbringen. Danach würden sie die Dinge sicherlich weniger romantisch sehen.

Jetzt echt?

Ich halte die obige Sichtweise für grundlegend falsch, gar gefährlich. Wie kann man akzeptieren, dass Mitarbeiter nicht bereit sind zu denken? Wie kann man hinnehmen, wenn Mitarbeiter sich klein machen, kleiner als sie eigentlich sind? Wenn Unternehmen und Führungskräfte die obige Haltung teilen, dann akzeptieren sie, dass ihre Mitarbeiter noch wenige Jahre vor sich haben, bis sie endgültig wegrationalisiert werden. Maschinen sind gehorsamer und zuverlässiger als es Menschen, die nicht denken wollen jemals sein können.

Die obige Sichtweise spiegelt genau das wider, was der große Douglas McGregor in seiner Theorie X beschrieben hat. Menschen sind von Natur aus faul, scheuen Verantwortung und können nur mittels extrinsischer Anreize mobilisiert werden. Wenn Führungskräfte so über ihre Geführten denken, dann werden diese auch so. Wer Kollegen so behandelt, als wären sie im Kindergarten, dann darf man sich nicht wundern, sich irgendwann in einem Kindergarten widerzufinden.

Natürlich gibt es daher diese Mitarbeiter. Waren sie aber schon immer so? Vermutlich nicht. Über viele Jahre hinweg und in viel zu vielen Unternehmen wurden Mitarbeiter in die Skinner-Box gesperrt und entsprechend konditioniert: „Drücke immer schön auf diese Taste, dann bekommst Du die Futterpille“. Ein Ergebnis ist das, was Martin Seligmann als „gelernte Hilflosigkeit“ bezeichnet. Selbst dann, wenn man Mitarbeiter befreit und an ihre Eigenverantwortung appeliert, werden sie diese Chance nicht mehr annehmen. Daraus zu schließen, dieses Verhalten entspräche ihrer Natur ist sarkastisch.

Kaum ein Leser dieses Beitrags wird die eingangs dargestellte Beschreibung von Menschen auf sich anwenden. Gleichzeitig kennen wir den Effekt, Anderen diese Natur zuzuschreiben. „Ich selbst denke und handle ja gerne eigenverantwortlich, nur die Anderen nicht“. Wenn Sie so denken, dann sind Sie kein Realist sondern vielleicht nur überheblich.